Japan und die Atomkraft - Fachkräfteaustausch 2018

[Lars Pickardt]

Gestern stand ich noch mitten in Tokios Stadtteil Schibuya und habe die Unmengen an bunten und blinkenden Lichtreklamen bestaunt. Heute ging es dann mit dem Shinkansen, dem japanischen Schnellzug, in Richtung Yamagata, einer der Präfekturen, die wir im Rahmen unserer Reise besuchen, um uns auch außerhalb von Tokio (denn Japan ist sicher mehr als nur Tokio) über die Sportstrukturen zu informieren und etwas über die Host Town Programme im Rahmen der Spiele 2020 zu lernen.

Ein Blick auf den Fahrplan verriet dann, wir fahren relativ dicht an Fukushima vorbei. Und da war es dann wieder, dieses etwas ungute Gefühl, was mich, bei aller Vorfreude auf die Spiele und die tollen Eindrücke der letzten Tage, im Hinblick auf Japan beschleicht. Man verdrängt schnell, dass Japan ein Land ist, was den größten Teil seines Stromes aus Atomkraft bezieht. Und man verdrängt schnell, was in Fukushima vor nicht allzu langer Zeit, gerade wenn wir über die Langzeitwirkung von Atomkraft sprechen, passiert ist.

Ich bin sicher kein absoluter Atomkraftgegner. Nein ich freue mich eher, wenn bunte Lichter leuchten, und auch aus meiner Steckdose soll der Strom für Laptop, Smartphone und Co. kommen. Und ganz sicher habe auch ich auch viel zu oft eher zuviel Licht an, als zu wenig. Und auch im Tagungsraum lasse ich sicherlich zu oft über Mittag das Licht an. Meine Geräte laufen auf Stand-by anstatt sie auszuschalten.

Aber es sollte uns eben schon auch bewusst sein woher der Strom kommt, und Fukushima erinnert, genau wie Tschernobyl, daran, dass wir doch auch mit dem Feuer spielen. Und natürlich habe ich keine wirkliche Lösung. Ich freue mich ehrlich, wenn ich große Solarenergiefelder oder kleine Solarelemente auf Häuserdächern sehe, sowohl in Deutschland, als auch hier in Japan. Und an guten Tagen schaue ich, dass ich nicht unnötig Strom verbrauche, lieber mal etwas Licht weniger, oder nicht permanent den Fernseher laufen lasse. Ist nicht auch einmal ein Buch etwas schönes (nicht nur wegen dem Strom übrigens).
  Und ehrlicherweise weiß ich auch nicht, ob ich auf jeder Spitze eines Berges ein Windkraftrad schön finde.

Nun ist es eine Frage des Sportes? Von mir ein deutliches Ja. Es geht um unsere Welt, von der wir (auch wenn es abgedroschen klingt) tatsächlich nur eine haben und hier haben wir alle, sprich alle gesellschaftlichen Schichten und Vereinigungen, eine Verantwortung. Zumindestens in Fragen der Sensibilisierung und des Umgangs mit dem Thema. Wir tragen nicht die politische Verantwortung, aber wir können Verhalten ändern, womit dann Politik über kurz oder lang agieren muss. Und die dsj (mit Vorstand und der AG BNE) hat mit und für seine Mitgliedsorganisation ein Konzept und ein Selbstcheck zur Bildung nachhaltiger Entwicklung (BNE) erarbeitet. Und, bevor es jemand in die falsche Ecke steckt, es geht nicht nur um Ökologie. Sondern es geht um das (Spannungs)Dreieck zwischen Ökologie, Ökonomie und Soziologie; und wie wir dort sinnvoll die Themen einordnen. Nicht alles was ökologisch machbar ist, ist ökonomisch oder soziologisch verantwortbar, oder umgekehrt. Die richtige Mischung und das bewusste Auseinandersetzen ist die Aufgabe; und Herausforderung. Als unsere Verantwortung heute für die Jugend von morgen. 


Und ist es eine Frage des Austausches und der Spiele. Auch hier ein Ja von mir. Es soll und muss thematisiert werden, wenn man sich mit den Spielen, und damit mit Japan, beschäftigt. Und auch weiß ich, dass ich es in irgendeiner Form den Jugendlichen unseres Paralympischen Jugendlagers mit auf den Weg geben werde. Nicht mit dem drohenden Zeigefinger, nicht mit Moralpredigten, und nicht um Angst zu machen, sondern das sich die Jugendlichen (aber auch Erwachsenen) für sich und ihre Persönlichkeit damit beschäftigen können … eben wenn sie vielleicht ein ähnliches Gefühl wie ich beim Lesen des Ortes Fukushima haben … und auch ohne die Lösung im Großen, sondern für sich, seine Möglichkeiten und seinen Verantwortungsbereich.

Kulturelle Erfahrungen - Fachkräfteaustausch 2018

[Peter Wiese]

Nach den ersten Tagen in der Hauptstadt Japans, zog es uns weiter nach Tsurouka in die Präfektur Yamagata. Tsurouka ist eine Stadt mit 130.000 Einwohnern im Norden Japans, direkt zwischen dem japanischen Meer und den Bergen gelegen. Im Gegensatz zu Tokio, welches eher das moderne Japan wiederspiegelt, ist die Welt in Tsurouka noch etwas traditioneller und hält dadurch für mich und die anderen Japanunerfahrenen der Gruppe noch einige kulturelle Überraschungen und Besonderheiten bereit. Ich fang aber am besten von vorne an.

Von Tokio aus machten wir uns mit dem japanischen Schnellzug, dem Shinkansen, auf in Richtung Tsurouka. Dafür mussten wir erstmal mit unserem ganzen Gepäck mit der U-Bahn zum Fernverkehrsbahnhof kommen. Wer denkt, dass eine siebenköpfige deutsche Delegation in Japan auch nur sieben Koffer dabeihat, der irrt gewaltig. Der erste kulturelle Unterschied zu Japan liegt nämlich in der Gastgeschenkekultur in Japan. Dort ist es nämlich üblich, dass Gast und Gastgeber untereinander Geschenke austauschen um Dankbarkeit für die Gastfreundschaft und die Mühen der Reise zu zeigen. An sich ist das ein wundervolles Konzept, der die Dankbarkeit als gesellschaftlichen Wert fest in der Kultur verankert. In unserem Fall artet es jedoch dahingehend aus, dass wir unsere Reise nahc Tsurouka mit fünf (!) zusätzlichen Koffern voller Gastgeschenke antreten um dort auch jedem Gastgeber und in jeder zu besichtigenden Schule ein entsprechendes Geschenk übergeben können. Dadurch dürfen vierzehn Hände 13 Koffer morgens um 7 durch die Tokioer U-Bahn ziehen. An einem Montag.

Trotz dieser Umstände kommen wir gut am Fernbahnhof an und können unsere Reise mit dem Shinkansen antreten. Dort fällt der nächste Unterschied auf. Während in Deutschland sich immer alle Passagiere um die Eingangstüren drängeln (ich möchte mich davon explizit nicht ausschließen), stehen in Japan die Passagiere alle geordnet in einer Reihe und gehen genauso geordnet in den Zug, der übrigens nur in den seltensten Fällen auch nur eine Minute unpünktlich ist.

Die Zugfahrt selbst verlief dann sehr ruhig und wir waren nach 4-stündiger Fahrt und einem Umstieg in Tsurouka, wo uns dann sogleich die japanische Delegation der Präfektur begrüßte. Anschließend gab es eine kurze Vorstellung der Stadt und des japanischen Host-Town-Projektes im Rahmen der olympischen und paralympischen Spiele in Tokio. Dabei wurden sogenannte Host-Towns ausgewählt, die in Kooperation mit verschiedenen nationalen Verbänden Trainingslager in der jeweiligen Stadt organisieren soll. Tsurouka ist eine Partnerstadt von Deutschland. So war auch in diesem Jahr bereits die Nationalmannschaft im paralympischen Boccia vor Ort.

Nach den Referaten wurden die umliegenden Sportstätten besichtigt. Eine Besonderheit war hierbei, wie sauber und glänzend die Hallen waren. Man konnte sich fast in dem Parkett spiegeln. Für mich als Judoka war natürlich auch das Dojo die größte Besonderheit. Ich habe bisher noch kein Dojo gesehen welches so neu, traditionell und sauber gleichzeitig war. Wirklich erstaunlich gut gemacht. Besonders schön war auch die traditionelle Bogenschießanlage. Aber genug von den Sportstätten. Der große Kulturschock kam am Abend.

Abends waren wir zu einem Willkommensessen in unserem Hotel eingeladen. Soweit so unspektakulär. Alle Leute aus unserer Delegation hatten sich dafür extra in Schale geschmissen und sogar die Krawatten ausgepackt und freuten sich auf einen schönen Abend. (Spoiler: Es war auch schön.) Dann wurden wir aber über den Zeitplan und die genaue Taktung des Abends aufgeklärt. Begonnen hat es damit, dass die Japaner bereits im Saal Platz genommen hatten und wir als „Hauptact“ des Abends erst einmal unter Applaus auf die Bühne gehen und dort Platz nehmen mussten. Dort saßen wir dann so lange, bis alle Ehrengäste ihre Reden gehalten haben und wir das oben bereits angesprochene Gastgeschenk erhalten hatten. Danach wurden wir nach strenger Sitzordnung zu unseren Plätzen begleitet, wo wir dann in bunt gemischten Runden uns austauschen konnten. Dies hat trotz Sprachbarriere und mit Einsatz moderner Technik erstaunlich gut funktioniert und es kamen sehr gute Gespräche zustande. Das servierte Essen war typisch japanisch. Mitten im Essen sah jedoch der Zeitplan vor, dass wir unsere Präsentation machen müssen. Und der Zeitplan ist in Japan geltendes Gesetz und muss unter allen Umständen durchgesetzt werden. Also haben wir uns vorgestellt und mit den Gästen ein Deutschlandquiz gemacht, bevor wir weiter Essen und uns unterhalten konnten. Doch leider steht im Zeitplan auch das Ende der Veranstaltung fest drin, sodass mitten in den guten Gesprächen die Feier beendet wurde. Zu dem Zeitpunkt waren wir aber auch schon eine halbe Stunde verzögert, eine Seltenheit in Japan und ein Zeichen, dass es allen Beteiligten sehr gut gefallen hat.

Insgesamt war dieser Willkommesabend für mich eine gute Möglichkeit um zu begreifen, was die japanischen Erwartungshaltungen sind, und was wir erwarten sollen. Wir bleiben jetzt noch bis Donnerstag in Tsurouka und ich bin gespannt, welche kulturellen Erfahrungen ich noch machen werde. 

Menschen mit Behinderung … die Chance der Paralympics in Tokio ? - Fachkräfteaustausch 2018

[Lars Pickardt]

Ganz sicher darf man nach 2,5 Tagen in Tokio kein Resümee ziehen. Aber es gibt vielleicht einen ersten Eindruck. Nach diesen ersten 2,5 Tagen habe ich in Tokio, an allen Orten zusammen an denen wir unterwegs waren, insgesamt sichtbar 4 (ja vier!)  Menschen mit Behinderung wahrgenommen, davon einen (!) Rollstuhlfahrer. Ja, ich sage immer, das erste Worte der Inklusion und nach der UN-Behindertenrechtskonvention ist „Nein“. Es geht bei der Umsetzung der Konvention um die selbstbestimmte Teilhabe der Menschen mit Behinderung, vieles geht, einiges nicht und vor allem nichts muss.

Aber ich glaube nicht, dass alle Menschen mit Behinderung in Tokio ihre Teilhabe so selbst bestimmen, dass sie alle in in sich geschlossenen Selbsthilfegruppen und Orten unterwegs sind. Das es keine Behindertensportjugend in Japan gibt, würde diese Theorie ein wenig unterstützen. Oder aber alle japanischen Menschen mit Behinderung sind eben auch Sportmuffel.

Aber es kann auch nicht an der Infrastruktur liegen. Denn die ist eigentlich recht gut. Viele Aufzüge und Rampen (wenn auch für eher schmalere Rollstühle), gute Blindenleitsysteme und Ausschilderungen und vor allem ganz viele hilfsbereite Japaner, die alleine uns kleine Häufchen nichtbehinderter Europäer in Tokio direkt zur Seite standen, wenn wir etwas Hilfesuchend in der Gegend standen.Dies lässt ein wenig den ersten Schluss zu, dass es eher an der Einstellung, Kultur und Verhaltensweisen hier in Japan liegen könnte. Wenn wir die Geschichte der Menschen mit Behinderung und des Behindertensportes in Deutschland anschauen, und Vergleiche erlaubt seien, ist es ja kein unbekanntes Phänomen, dass es Zeiten gab (oder gibt) wo Menschen mit Behinderung eher im Hintergrund gehalten werden. Sie nicht so, wie z.B. unsere paralympischen Athletinnen und Athleten, inzwischen ja sogar als Vorbilder und Rolemodels, im Licht der Öffentlichkeit stehen.

Aber hier könnten (und werden) hoffentlich die Paralympischen Spiele in Tokio 2020 Japan, und vor allem den Menschen, helfen. Zum einen werden ganz sicher japanische Para-Athletinnen und Athleten schon im Vorfeld Erfolge präsentieren, und somit für das Thema  Behinderung, aber eben auch was für Leistungen mit Behinderung möglich sind, sensibilisieren. Ähnliches wird sicherlich auch die Werbung für die Paralympics bewirken. Ich durfte die Japanerinnen und Japaner bisher als neugieriges Volk, das Leistungen respektiert, kennenlernen. Und wenn ihnen in naher Zukunft aufgezeigt wird, was im Behindertensport möglich ist, hoffe ich fest, dass der Virus Paralympics auch Japan infiziert und dies eben auch Auswirkungen auf die Gesellschaft haben wird.

Und wenn dann 6.000 Athletinnen und Athleten im September 2020 Tokio „erobern“ werden, wird der Virus hoffentlich seine volle Wirkung entfalten.

So könnte der Sport einmal mehr beweisen, welche Wirkung er auf eine Gesellschaft haben kann.

Soweit ein allererster Eindruck, mit dem deutlichen Anspruch eines solchen. Ich bin gespannt, wie es sich weiterentwickelt. Ich werde weiter zählen, und vor allem hier vor Ort nachfragen.

Stadien, JJSA und Freizeit - Tag 1&2 des deutsch-japanischen Fachkräfteaustauschs 2018

[Peter Wiese]

Der deutsch-japanische Fachkräfteaustausch ist in die nächste Runde gestartet. Nach einer 18 stündigen Reise sind wir, die Delegation des Austauschs, am 03.11 in Tokio eingetroffen und wurden sogleich von Vertretern der Japanischen Junior Sport Association (JJSA) und der Dolmetscherin empfangen. Anschließend ging es ohne große Paus zur Baustelle des neuen Olypiastadions, wo bei den Spielen 2020 neben der Eröffnungs- und Abschiedsfeier auch noch einige Wettkämpfe, vor allem in der Leichtathletik, stattfinden werden. Das nahezu fertige Stadion und die schöne Umgebung davon stimmte uns bereits positiv auf das Studienthema Tokio 2020 ein.

Danach ging es weiter mit einer Vorstellung des japanischen Sportbundes und der JJSA, bevor der Präsident der JJSA die uns zu einem typisch japanischen Essen hoch über der Stadt eingeladen hat.

Am nächsten Tag ging es dann weiter mit der Besichtigung des Ajinomoto Stadions, dem Fußballstadion Tokios. Dort werden bei der Olympiade die Wettkämpfe im Fußball, Rugby und im modernen Fünfkampf ausgetragen. Während der Besichtigung konnten wir uns auch die Aussicht aus der Loge des Kaisers genießen.

Am Nachmittag ging es dann zum deutschen Fest der deutschen Botschaft in Tokio. Dort haben wir uns Eindruck verschafften können welche deutschen Gerichte und Besonderheiten in Japan bekannt sind. Außerdem waren Mitarbeiter der Botschaft vor Ort, mit denen wir uns über Kooperationsmaßnahmen währen der olympischen Spiele unterhalten haben.

Morgen geht es dann weiter in die Präfektur Yamagata. Wir sind gespannt was wir dort erleben und werden darüber berichten.


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