Rudi Müller
wurde im Kreis von dsj-Japan-Freunden liebevoll und gleichzeitig ein wenig schmunzelnd „Japan-Müller" genannt. So stark schlug sein Herz für den Austausch mit Japan im Jugendsport. Wie auf der Homepage der Gemeinde Enkenbach-Alsenborn (www.enkenbach-alsenborn.de) erwähnt, war Rudi Müller ein Kommunalpolitiker und ein Botschafter des Sports und der Völkerverständigung.
Japan bildete einen Akzent seiner ehrenamtlichen, breitgefächerten Tätigkeiten. Zu einem großen Anteil verdanken wir Rudi Müller, dass wir einen deutsch-japanischen Sportjugend-Simultanaustausch über 35 Jahren durchführen konnten sowie über 9000 junge Sportlerinnen und Sportler mit der Japanischen Sportjugend austauschten und in diesem Bereich eine nachhaltige Arbeit leistet konnten. Rudi Müller hat oft gesagt: „Eine Arbeit darf nicht von Personen abhängig sein, sondern Personen prägen die Arbeit." Er hatte die Entwicklung der deutsch-japanischen Zusammenarbeit geprägt.
Enkenbach in der Pfalz war nicht sein Geburtsort, aber seine Verbundenheit mit Enkenbach war so stark, dass man sagen kann, Enkenbach war seine Heimat. Dort hat er gelebt, als Lehrer gearbeitet, war ehrenamtlich tätig für den Turnverein Enkenbach erst als Jugendwart, dann jahrelang als 2. und 1. Vorsitzender. Als Anfang 80er Jahre die Bereitschaftspolizei des Landes Rheinland-Pfalz in Enkenbach stationiert wurde und eine große Polizeischule baute, sah er in der Personalunion von Kommunalpolitiker und Funktionär eines Turnvereins eine große Chance. Ihm gelang es auch, aus dem TV Enkenbach den Turn- und Polizeisportverein Enkenbach zu gründen. Somit konnten die Mitglieder des Vereins die großartige Sportanlage der Polizeischule nutzen und die jungen Polizisten samt ihren Familien in das Gemeindeleben integriert werden. Er stellte durch diesen politischen Akt seine Sensibilität für Gemeinsinn und Integration unter Beweis. So haben seine kommunalpolitischen Engagements sein Werk auch nachhaltig geprägt: Seit 1989 war er bis zu seinem Tode Ortsbürgermeister von Enkenbach. Durch seine ehrenamtlichen Tätigkeiten, vor allem im Bereich der internationalen Jugendarbeit, war die Gemeinde Enkenbach in der Welt so bekannt geworden, dass manche Freunde im Ausland dachten, Enkenbach sei die Hauptstadt Deutschlands.
Unter den großen Vätern von Enkenbach war ein katholischer Priester, Pater Albert Bold, der über 50 Jahre in Japan lebte und zum Präsident der katholischen Universität Nanzan in Nagoya geworden war. 1964 besuchte Pater Bold seine Heimat und begegnete Rudi Müller. 1970 bekam der TV Enkenbach über Pater Bold eine Einladung zur Weltausstellung in Osaka. Der Auftritt der Enkenbacher Folkloregruppe im deutschen Pavillon war ein großer Erfolg. Die Gruppe nahm auch am nationalen Treffen der Japanischen Sportjugend am Fuße des Fuji-yama teil. Das war sicherlich für ihn der konkrete Start der Zusammenarbeit mit Japan. Der TV Enkenbach betreute seitdem immer wieder Studentengruppen der Universität Nanzan.
Die Liste seiner ehrenamtlichen Tätigkeiten, wenn sie wir alle auflisten würden, wäre sehr lang. Angefangen hat er mit dem Amt des Jugendwarts des TV Enkenbach. Im Bereich Turnen stieg er auf über die Gau- und Bundesebene bis zum Bundesjugendwart der Deutschen Turnerjugend. Auf der Schiene der Landessportjugend Rheinland-Pfalz hatte er verschiedene Ämter. 1968 wurde er in den Fachausschuss für internationale Jugendarbeit der Deutschen Sportjugend berufen. Ab 1972 übernahm er den Vorsitz dieses Fachausschusses und war gleichzeitig Vorstandsmitglied der Deutschen Sportjugend. Dieses Amt nahm er bis 1990 war. Rudi Müller nutzte diese Möglichkeit die deutsch-japanische Zusammenarbeit aufzubauen.
Aus der in den 50er Jahren begonnenen Zusammenarbeit in der internationalen Jugendarbeit zwischen Deutschland und Japan entstand auch eine direkte Verbindung zwischen der Deutschen Sportjugend und der Japan Junior Sports Club Association (JJSA). 1967 hat der damalige 2. Vorsitzender der dsj, Hans Hansen, mit der Japanischen Sportjugend einen Jugendleiteraustausch vereinbart, der seitdem als flankierende Maßnahme des Simultanaustausches durchgeführt wird.
Im Laufe der Zusammenarbeit wurde der Wunsch groß, einen direkten Austausch im Jugendsport zu realisieren. Nach beiderseitigen Vorbereitungen wurde beim Besuch einer Jugendleiterdelegation im August 1973 eine endgültige Entscheidung gefällt, einen Jugendaustausch zwischen der Deutschen Sportjugend und der JJSA ab 1974 durchzuführen. Die Führungskräftedelegation der JJSA hat Enkenbach besucht, im Wohnzimmer von Rudi Müller die letzten Einzelheiten beraten und die letzten Unklarheiten beseitigt. Im Anschluss daran fand in Frankfurt am Main eine Besprechung mit Vertretern der interessierten Verbände und der japanischen Delegation statt. Die Planung sah vor, je 160 Teilnehmer auszutauschen und als Transportmittel ein Flugzeug zu chartern. Das Ergebnisprotokoll dieser wichtigen Tagung am 30.08.1073 wurde von Rudi Müller und Haruo Itoh (JJSA-Vorstandsmitglied) unterschrieben. Es war die Geburt des Simultanaustausches.
1974 wurde dieser Plan umgesetzt. Trotz dieses Beschlusses musste im Laufe der Jahre harte Überzeugungsarbeit geleistet werden, weil die Förderung für dieses Programm einen nicht unwesentlichen Teil der Zuschussvolumen der Globalmittel des damaligen Bundesjugendplanes ausmachte. Hierfür musste er bei Vollversammlungen und Jugendhauptausschüssen überzeugend argumentieren. Rudi Müller leitete sechs Mal die dsj-Jugenddelegation nach Japan. Auf einer Delegationsreise ist Übergabe von Gastgeschenken sehr wichtig. Manchmal hatte er keine Geschenke mehr bei sich, nur einige Anstecknadeln der dsj. Er überreichte würdevoll diese Nadel und strahlte und in dem Moment glänzte diese Nadel auch.
Nachdem sich seine Tätigkeitsbereiche auf bundesweite und internationale Ebenen ausweiteten, verlor er nie die Nähe zur Basis und die Verbindung zu seiner Heimatstadt. Dies waren die Austausche vor allem mit Frankreich, England, Griechenland. Beim Simultanaustausch waren Enkenbach und Sportvereine aus der Umgebung als Rheinland-Pfalz II lange Zeit als selbständige Gruppe mit dabei.
Als wir das Jubiläum „30 Jahre Simultanaustausch" feiern wollten, wollte die japanische Regierung Rudi Müller für seine großen Verdienste zur Völkerverständigung mit einem Orden auszeichnen. Die Verleihung des Ordens war im Rahmen des Festaktes am 21.07.2003 vorgesehen. Aber Rudi Müller verstarb plötzlich am 20.03.2003 im Alter von 76 Jahren.
Die japanische Regierung beauftragte den damaligen Generalkonsul, Herrn Masaki Okada, bei der Jubiläumsfeier vor den Repräsentanten beider Sportjugendorganisationen zu sprechen und dabei die hohe Anerkennung der japanischen Regierung für das Werk des internationalen Jugendaustausches zum Ausdruck zu bringen sowie den großen Beitrag der Deutschen Sportjugend an der Entwicklung und an der drei Jahrzehnte langen Durchführung des Simultanaustausches durch die Ordensverleihung zu würdigen. Laut den Bedingungen muss die Ordensverleihung immer mit den besonderen Leistungen einer Person verbunden sein, deshalb wurde das große Engagement von Rudi Müller mit Verleihung des Ordens vom Heiligen Schatz am Bande goldene Strahlen (勲四等瑞宝章) posthum gewürdigt. Der Generalkonsul Okada bat den 1. Vorsitzenden der Deutschen Sportjugend, Ingo Weiss, für die großen Leistungen der dsj einschließlich vieler Mitarbeiter, Mitarbeiterinnen, Familien, Sprachmittler und Sprachmittlerinnen den Orden entgegenzunehmen. Der Orden wurde an die Söhne von Rudi Müller weitergegeben.
Rudi Müller benutzte keine modernen Ausdrücke wie interkulturelles Lernen, Nachhaltigkeit, Gender Mainstreaming, Jugendliche mit Migrationsintergrund. Pädagoge Rudi Müller erkannte aber die Werte des internationalen Jugendaustausches und förderte ihn mit vollen Kräften.
Text: Helmut Lange/ Noriko Takahashi und Dieter Haug